Gute alte Zeit

Erinnerungen des letzten Berufsfischers im Kanton Baselland

Ein Gespräch mit Max Blank (1913) aus Augst BL. Er hat seit 65 Jahren mit der Fischerei zu tun und ist deshalb vertraut damit.

Aufgezeichnet im Februar 1985 durch HP Tanner, Präsident FVBL

Publiziert im August 1985 in der FISCHEREI

 

fischer

 

Bild: August Blank bei der Arbeit

Max Blank und sein Bruder August (1923) erlernten die Berufsfischerei vom Vater. Dieser arbeitete im Nebenerwerb noch in der Saline in Kaiseraugst, ein 10-12 Stundentag brachte einen Verdienst von Fr. 2.50. Dies zum Vergleich zu den später genannten Verkaufserlösen aus dem Lachsfang.

Ihr Revier ist der Rhein im Banne Augst, zirka 2300 Meter Uferlänge, einige Jahre hatte man auch die Ergolz in Pacht. Damals war es der sechsköpfigen Familie möglich, aus dem Ertrag der Fischerei – wenn auch einfach – zu leben. Allerdings erforderte der Beruf genaueste Kenntnis des Gewässers. Kiesbänke, tiefe Löcher, Laichplätze, bevorzugte Standorte mussten bei jeder Jahreszeit, bei jedem Wasserstand, bei jedem Wetter und bei Tag und bei Nacht bekannt sein.

Die besten Fangaussichten bestanden bei Hochwasser, nach Gewittern musste man auch nachts um 2 Uhr aus dem Bett, ans Wasser, Stellnetze und Reusen entfernen. Mit dem Aufstau des Hochrheins regulierten sich die Hochwasser, die Fangmöglichkeiten reduzierten sich.

Gefischt wurde mit Spreit- und Wurfgarn, Zuggarn, Reusen, Handbähren, Grundschnüren mit bis zu 120 Haken, die mit Würmern, Güllenrugger, Käse usw. beködert wurden, mit Lachsfallen und mit dem Aufkommen des Nylons auch mit Stellnetzen. Eine Salmenwoog hatte die Familie Blank nicht, wohl einen Fischergalgen.

Ein besonderes Ereignis im Fischerjahr war der sogenannte „Nasenstrich“. Riesige Schwärme laichreifer Nasen stiegen in die Ergolz auf. Auch die Wiese, die Birs und die Sisseln waren für ihren Nasenstrich bekannt. Vor Aufstau des Rheins durch das Kraftwerk Augst im Jahre 1912 zeigte sich an der Ergolzmündung bei kleinem Wasserstand eine grosse Kiesbank, dort sammelten sich die Nasen.

Sobald sie im März/April gesichtet wurden, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer durchs Dorf. Spezielle „Nasenkarten“ wurden von der Gemeinde zu Fr. 2.– ausgegeben, sie hatten sechs Wochen Gültigkeit.

Am Wasser unterhielt man ein grosses Feuer, jede Stunde ging man mit der Handbähre auf Kommando ins Wasser, Stiefel gab es noch nicht, alte Hosen und Schuhe mussten genügen. Am Feuer wärmte man sich – auch mit Schnaps.

Die gefangenen Nasen wurden in Säcke abgefüllt, am anderen Morgen auf Kinderwagen geladen und von den Frauen weit ins Baselbiet hinein zum Verkauf gefahren. Ein Fisch kostete 10 bis 20 Rappen. Das Kochrezept wurde gleich mitgeliefert: man solle sie zusammen mit Sauerkraut eine Viertelstunde kochen. Wurden nicht alle verkauft, verwertete man den Rest beim Kartoffelpflanzen: zu jeder Saatkartoffel eine Nase. Kein Fischerlatein!

Nach dem Kraftwerkbau Augst 1912 und der damit erfolgten Abriegelung des Rheins war weitgehend Schluss mit den grossen Nasenfängen, eine alte Tradition verschwand. Immerhin gab es noch viele Nasen, bis das Kraftwerk Birsfelden 1952 gebaut wurde. Danach verlor dieser Fisch seine Bedeutung für den Berufsfischer. Noch zu Beginn der 50er Jahre gelang Max Blank sein grösster Fang mit einem Zug des Galgens: 81 Stück. Tagesfänge von 100 Nasen waren normal.

Zahlreiche Aeschen und Alet waren im Frühjahr auch bei der Beute, der Unterschied wurde nicht so genau genommen. Auf einen Zug mit dem Zuggarn wurden einmal 5 Hechte gefangen, der schwerste davon 32 Pfund.

Sehr wichtig für den Berufsfischer war der Lachs. Bis zum längsten Tag bezeichnete man ihn als Salm, danach bis zum kürzesten Tag als Lachs.

Die ersten Salme wurden im Mai gefangen, es waren meistens alles grosse, runde und feiste Salme, keiner unter 18 Pfund. Gefangen wurden sie mit Spreitgarn. Max Blank war dabei, als einmal 5 Fische auf einen Zug gefangen wurden. Der Salm war silbergrau, erst gegen die Laichzeit färbte er sich rötlich, beim Milchner bildete sich der bekannte Haken am Unterkiefer.

Im Augster Revier wurden von der Familie Blank, zusammen mit Berufsfischerkollege Schauli aus Kaiseraugst, zwischen 1912 und 1932 pro Jahr rund 400 Lachse gefangen, davon im Frühjahr etwa 50 Salme, der Rest Lachse, die im Durchschnitt 8-12 Pfund wogen, allerdings waren grössere Exemplare keine Seltenheit. An der gegenüberliegenden Grenzacherseite wurden noch mehr erbeutet, die Kiesbänke waren ausgeprägter, das Ufer mehr an der Sonne.

Die offiziellen kantonalen Statistiken vermelden für den ganzen basellandschaftlichen Rhein, also die Fischenzen Birsfelden, Muttenz und Pratteln noch dazu, einen Durchschnittsertrag in den Jahren 1912 – 1920 von 374 Stück, von 1921 bis 1930 noch 315 Stück. Natürlich war man auf die Angaben der Fischer angewiesen. Alle 6 Jahre wurden die Strecken neu verpachtet – man hatte als Pächter kein Interesse an einem zu hohen Pachtzins. Während der Schonzeit wurden die Fische nach dem Streifen erst nach amtlicher Markierung zum Verkauf freigegeben.

Die Familie Blank hatte, zusammen mit Fischer Schauli aus Kaiseraugst, insgesamt 23 Lachsfallen, diese bezog man von einer Handschmiede in Grenzach. Das Stellen dieser Fallen war eine grosse Kunst und harte Arbeit, besonders im Winter vom vereisten Weidling aus. Meistens wurden lebende Lockfische – also bereits erbeutete Lachse – vor den Fallen angebunden, in späteren Jahren aber auch solche aus Holz.

Der grösste gefangene Lachs wog 43 Pfund, 25pfünder waren nicht allzu selten. Einmal ging auch eine Barbe von 14 Pfund in die Falle. Der grösste Tagesfang betrug 32 Stück. Während den zwei Steigerungsperioden der Ergolz – ein kleines Flüsschen – wurden dort über 100 Lachse gefangen.

Bis zum Verkauf hälterte man die Fische, indem man einen Strick durch Maul und Kiemen zog und an einem Seil unter Wasser anband – das sogenannte „zäumlen“. Nach vier bis fünf Tagen allerdings zeigten sich Flossenschäden und Verletzungen, die Fische mussten in den Verkauf. Während der Laichzeit wurden die Lachse von den Fischzüchtern Hohler, Giebenach und Mändli, Orishof, gestreift. Die Erbrütung erfolgte in holländischem Auftrag. Ein Regierungsvertreter war im Frühjahr beim Einsatz der Brütlinge in den Rhein dabei zur Zählkontrolle. Die Kosten der Aufzucht übernahm Holland.

Der Kraftwerkbau Kembs im Jahre 1932 bedeutete das Ende der Lachsfischerei. In den folgenden Jahren wurden nur noch jeweils 10 bis 20 Stück gefangen. Der letzte Lachs wurde im November 1953 erbeutet. Eine Ausnahme war noch das Jahr 1945, als eine Schütze des Kraftwerks Kembs bombardiert wurde, in jenem Jahr fing man wieder 120 Stück.

Viele Lachse starben nach dem Laichen, nach Meinung von Max Blank gegen die Hälfte, man konnte sie leicht behändigen, wenn sie abgekämpft flussabwärts trieben.

Sportfischerei auf Lachs sah man in all diesen Jahren sehr wenig, man mag sich nur an zwei Fischer aus Basel erinnern. Die Lachse wurden meist an Hotels in Basel und Liestal, auch an Comestibles-Geschäfte, verkauft. Für das Kilo Salm wurden Fr. 8.– bezahlt, das Kilo Lachs galt bloss Fr. 2.80 bis 3.50.

Die übrigen Fische wurden in Basel auf dem Fischmarkt verkauft. Der Wochenfang wurde gehältert, am Freitag zirka 120 kg auf den Zweiräderkarren geladen und ab Kaiseraugst mit der Bahn nach Basel verladen. Kurz vorher wurde in einer Wirtschaft noch Eis geholt und in die Fischzuber getan. Mit dem Karren dann in Basel die ganze Stadt hinunter. Der Fischmarkt wechselte einige Male seinen Standort, zuerst war er bei der Börse, dann am Andreasplatz, an der Klagemauer auf dem Barfüsserplatz, auf dem Rümelinsplatz und zuletzt auf dem Marktplatz.

Die Angehörigen der jüdischen Gemeinde waren die besten Kunden, sie wollten aber alles nur grosse Fische. Restaurants waren auch Abnehmer, das Schiff in Kleinhüningen, der Pfauen und die inzwischen abgerissene Rheinhalle.

Die Familie Blank fuhr während 70 Jahren nach Basel, August Blank von 1942 bis 1979. Danach war keine Rendite mehr zu machen. Die Leute haben viel mehr Geld, es werden Meerfische gekauft. Die Rheinfische kennt man nicht, deren Zubereitung schon gar nicht.

Die Berichte über den Quecksilbergehalt in den Rheinfischen haben auch geschadet. Wieviel ist wohl in den Meerfischen? Als Festessen bezeichnet Max Blank heute noch eine gebackene Laichnase, einen guten Kartoffelsalat und eine Flasche Bier.

Die besseren Fische, wie Forellen, Hechte, Zander, Egli, Aale und Schleien waren noch gut zu verkaufen. Ein sehr guter Kunde für die Weissfische ist immer noch der Zoologische Garten Basel.

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Die Fischerei ist heute leider nur noch ein Schatten gegenüber früher. Dies betrifft vor allem den Verkauf – es ist nicht gesagt, dass es viel weniger Weissfische im Rhein hat als früher. Max Blank hat – natürlich mit allen Kleinfischen – über 30 Arten festgestellt. Bis ins Jahr 1983 wurden durch ihn auch vereinzelt Huchen gefangen, Grösse etwa 6 Pfund. Die Frage, ob es sich nicht doch etwa um Flussforellen gehandelt habe, wird kategorisch verneint. Im Jahr 1950 wurden im Rhein durch die Fischerei-Interessenten am Oberrhein (FIO) versuchsweise 6000 Junghuchen eingesetzt.

Soweit die Aeusserungen eines bescheidenen, der Publizität abholden, aber sehr praxisverbundenen, jahrzehntelangen Kenners der Fischerei im basellandschaftlichen Rhein. Seine Erfahrung wiegt schwer- seine Existenz hing davon ab!

 

 

 

Nov 27, 2014 | Posted by | Kommentare deaktiviert für Gute alte Zeit
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